Dessau – das Bauhaus wird 100

Das Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet. Es führte herausragende Architekten, Künstler und Gestalter zusammen. Nach dem sich in Thüringen die Machtverhältnisse zu gunsten der Deutschen Volkspartei geändert hatten und die Nationalkonservativen in der Folge die Förderung stark kürzten, siedelte das Bauhaus 1925 nach Dessau um. Dort bot der Flugzeugbauer Hugo Junkers Förderung, zudem herrschte in dieser Industriestadt eine stabile sozialdemokratisch und liberal orientierte Mehrheit. Als einmaliger Ort der Avantgarde entstanden das Hochschulgebäude mit der Bühne, der Mensa und dem Ateliergebäude sowie

das Ensemble der Meisterhäuser in der Nähe. Hier lebten Ise und Walter Gropius, Anni und Josef Albers, Lucia Moholy und László Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger und weitere Bauhäusler als Künstlergemeinschaft. Die Siedlung Törten am Rand der Stadt entstand als Modell eines modernen Sozialen Wohnungsbaus.

1928 wurde der Schweizer Architekt Hannes Meyer Nachfolger von Walter Gropius als Direktor. Er intensivierte die Zusammenarbeit mit der Industrie und konzentrierte sich auf das Fach Architektur. Ab 1930 leitete der Architekt Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus in Dessau. 1931 gewannen die Nationalsozialisten die Gemeindewahl in Dessau und setzte 1932 die Schließung des Staatlichen Bauhauses durch. Als private Einrichtung wurde es noch bis 1933 in Berlin weitergeführt. Nach nur 14 Jahren wurde nach zunehmenden Repressalien der neuen Machthaber dann das Bauhaus aufgelöst. Ab den 1930er-Jahren errichteten emigrierte jüdische Bauhaus-Architekten in Tel Aviv mehr als 4.000 Gebäude. Dies ist weltweit die größte, einzigartige Ansammlung von Gebäuden in Bauhaus-Stil.

Anreise

Auf dem Weg nach Berlin habe ich einen Abstecher nach Dessau gemacht. Ich gebe meinen Koffer in ein Schließfach, esse eine Suppe in der Bäckerei Steinecke im Bahnhof und gehe dann zur Bushaltestelle vor dem Bahnhof. Die Linie 10 wird als Bauhaus-Linie mit einem Kleinbus bedient. Der überaus freundliche Fahrer wird mich sachkundig in den nächsten Stunden auf dem Weg durch die Stadt zu den UNESCO Weltkulturerbestätten begleiten.

 

Die Meisterhäuser

Ich fahre an dem Hochschulgebäude vorbei zu den Meisterhäusern. Die Stadt Dessau hatte Walter Gropius mit dem Bau von drei baugleichen Doppelhäusern in einem Kiefernwäldchen beauftragt. Ineinander verschachtelte, unterschiedlich hohe kubische Körper geben den Häusern ihre Gestalt. Die Straßenseite wird von großzügig verglasten Ateliers geprägt, an den Seiten lassen Glasbänder Licht in die Treppenaufgänge.

Die hell gestrichenen Häuser sind mit großzügigen Terrassen und Balkonen versehen. Zwei Häuser sind komplett mit Möbeln von Marcel Breuer eingerichtet, Künstler wie Klee und Kandinsky entwickelten bei der Farbgestaltung der Innenräume eigene Ideen.

Das Direktoren-Doppelhaus wurde im Krieg zerstört. 2010 wurde beschlossen, das Haus nicht 1:1 wieder zu errichten, sondern mit den Mitteln der zeitgenössischen Architektur zu rekonstruieren.

Mit der Umsetzung betraut wurde das Büro Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin. Und so ist es nun in einer innovativen Reduktion in Abstraktion des Ursprungbaus wieder erstanden: Die neuen Meisterhäuser.

Die Trinkhalle an der Ostspitze der Siedlung ist der einzige Bau von Ludwig Mies van der Rohe in Dessau. Der Busfahrer hat mir den Espresso dort ans Herz gelegt und der war wirklich sehr gut.

So gestärkt laufe ich zum Hochschulgebäude.

Das Bauhausgebäude

Das Gebäude gibt durch die vor das tragende Skelett gehängte Glasfassade den Blick auf das Innenleben frei. Weil auf eine optische Verstärkung der Ecken verzichtet wurde, entsteht ein Eindruck von Leichtigkeit. Gropius gestaltete die Gebäudeteile unterschiedlich, um sie konsequent nach ihren Funktionen zu trennen. Die Hauptelemente des Komplexes sind der verglaste dreigeschossige Werkstattflügel, der ebenso hohe Trakt für die Gewerbliche Berufsschule und das fünfgeschossige Ateliergebäude. Werkstattflügel und Gewerbliche Berufsschule werden von einer zweigeschossigen Brücke verbunden, sie diente als Sitz der Verwaltung, bis 1928 war hier das Architekturbüro von Gropius untergebracht.

Den Übergang vom Werkstattflügel zum Atelierhaus mit 28 je 20 m2 großen Wohnateliers für Studierende und Jungmeister, bildet ein eingeschossiger Zwischenbau. Hier befinden sich die Aula, die Bühne und die Mensa, die sogenannte „Festebene“.

Ich nehme an einer einstündigen Führung durch die Gebäude teil. Neben den fundierten Erklärungen des Dozenten, habe ich so den Vorteil, in Bereiche zu gelangen, die sonst nicht zugänglich sind.

Die Siedlung Törten

Ich steige wieder in den Bauhausbus der Linie 10 und lasse mich in einer knappen halben Stunde durch die Innenstadt zur Siedlung Törten bringen. Ich steige an den Laubenganghäusern aus.

Die fünf dreistöckigen Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 90 Wohnungen waren Teil einer gemischten Bebauung, die Hannes Meyer für die Erweiterung von Törten in den Jahren 1929-1930 vorgesehen hatte. Den Volkswohnungen, die von Arbeitern und kleinen Angestellten zur Miete bewohnt wurden, wurde ein ausgesprochen knapper Grundriss zugrunde gelegt. Auf 48 qm sollte eine vierköpfige Familie in drei Räumen sowie Küche und Bad Platz finden. Die Laubengangwohnungen wurden für den relativ geringen monatlichen Betrag von 37,50 Reichsmark vermietet.

Auf der anderen Seite der Damaschkestraße schließt sich die zwischen 1926 und 1928 von Walter Gropius konzipierte halbländliche Reihenhaussiedlung an, die mit insgesamt 314 Wohneinheiten Wohneigentum für finanzschwache Käufer schaffen sollte. Ich schlendere durch den Klein-, Mittel- und Großring an verschiedenen Häusertypen entlang zum Konsumgebäude.

Das 1928 nach einem Entwurf von Walter Gropius entstandene Haus wurde durch seine Lage, seine Höhe, aber auch durch seine Funktion zu einem Zentrum der Törtener Siedlung. Die beiden Baukörper – Flachbau und fünfgeschossiges Haus – wirken wie ineinander geschoben. Ihre Proportionen sind ausgesprochen elegant aufeinander abgestimmt.

Zwei weitere Einzelhäuser stehen in der Südstraße. Das „Haus Fieger“ ist in Privatbesitz und mit Hecken umgeben. Direkt daneben steht das Stahlhaus von Georg Muche und Richard Paulick. Das Gebäude ist ein Stahltafelbau und besteht aus einer Stahlskelett-Tragkonstruktion, auf die 3 mm starke Stahltafeln als Außenwandplatten montiert sind. Das Haus ist nicht unterkellert. Muche entwarf später für seine Metalltypenhäuser auch farbige Varianten, der Dessauer Prototyp ist nur in grau, weiß und schwarz gehalten.

Das historische Arbeitsamt

Ich warte erneut auf den Busfahrer an der Haltestelle am Stahlhaus. Auf der Rückfahrt zum Bahnhof komme ich noch am historische Arbeitsamt vorbei. 1928 gewann Walter Gropius einen Wettbewerb der Stadt Dessau für den Bau. Der außergewöhnliche Grundriss macht den mit gelben Ziegeln verkleideten Stahlbau zu einem richtungweisenden Beispiel für funktionalistische Architektur. Weil die Fassade fensterlos ist, überrascht die Helligkeit im Inneren des Baus. Verantwortlich dafür ist das gläserne Sheddach, das viel Licht hereinlässt und die gläsernen Innenwände fluten das Licht quer durch das Gebäude. Seit der Sanierung 2002–2003 dient das Gebäude als Sitz des Amtes für Ordnung und Verkehr der Stadt Dessau.

Am späten Nachmittag fahre ich weiter nach Berlin. Dort wartet in der nächsten Woche die Architektur der Moderne auf mich mit sechs UNESCO Welterbestätten und einer beispielgebenden Architektur.

Service Dessau:
Bahnfahrt mit ICE München bis Bitterfeld und mit dem Regionalexpress weiter nach Dessau 1. Klasse einfach ab 35 €.
Tagesticket Bauhausbus 5 €
Gesamtticket Bauhaus Dessau 15 €  Führung im Bauhaus: 7 €

Diese Reise fand im September 2018 statt. Ich reiste allein.

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