Danzig – „Wege zur Freiheit“

1980 wurde während der Streiks auf der Danziger Lenin-Werft unter Lech Walesa die „Solidarnosc“ gegründet. Die Bewegung läutete das Ende der kommunistischen Herrschaft über Osteuropa ein. An der Mündung der Weichsel in die Ostsee, von Danzig zehn Kilometer stromabwärts, begann am 1. September 1939 durch den Angriff des Panzerkreuzer „Schleswig-Holstein“ auf die Westerplatte der 2. Weltkrieg. Im Jahr 1260 wurde das erste Mal der Dominikanermarkt veranstaltet. Drei runde Jahreszahlen, die uns dieses Jahr in die ehemalige Hanse- und freie Stadt Danzig ziehen.

Anreise

1. Tag: Wir landen um die Mittagszeit auf dem Danziger Flughafen „Lech Walesa“ mit einem Canadair Jet der Lufhansa Cityline aus München kommend. Schon im Flughafen erwerben wir eine Touristenkarte, mit der wir den Flughafenbus benutzen können. Am Hauptbahnhof „Gdansk Glówny“ steigen wir in die Tram um und fahren bis zur Haltestelle „Zabi Kruk“. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Hotel „Radisson Blu Danzig“ in einem ehemaligen Patrizierhaus auf dem Langen Markt im Zentrum der Rechtstadt. Hinter der historischen Fassade verbergen sich komfortable und moderne Zimmer und ein Innenhof mit schicker Stahl- und Glasarchitektur.

Wir essen im Restaurant „Buddha“ zu mittag und bummeln durch die Lange Gasse zum Hauptbahnhof, Ende des 19. Jahrhunderts im neogotischen Stil errichtet und mit einem 48 Meter hohen Turm versehen.

zum Ostseestrand im Seebad Zoppot

Wir nehmen den Vorortzug ins Seebad Zoppot 15 Kilometer vor den Toren der Stadt. 1823 eröffnete der elsässische Arzt Johann Georg Haffner, der mit Napoleon I. nach Danzig gekommen war, den ersten Strandbadbetrieb mit Kursanatorium.

Zoppot hat bewaldete Höhenzüge, die vor Wind schützen, das Wasser in der Bucht ist warm und die Gegend mückenfrei. Der feine, vier Kilometer lange und 100 Meter breite Sandstrand wurde mit der Zeit immer beliebter, schöne Jugendstilvillen, das Kurhaus und die 512 Meter lange Seebrücke entstanden und ab 1927 gab es dann auch ein Grand Hotel.

Der Streik auf der Leninwerft und die Gründung der Solidarnosc

2. Tag: Wir fahren nach dem Frühstück mit der Tram zum „Plac Solidarnosci“. Hier steht vor dem fahnen- und blumengeschmückten Tor 2 der ehemaligen Leninwerft das 42 Meter hohe „Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter“.

Der Streik und Aufstand im Jahr 1970 wurde durch die polnische Armee mit Waffengewalt beendet. Zehn Jahre lang gestatteten es die Behörden nicht, ein Denkmal für die Opfer aufzustellen. Möglich wurde dies erst am 16. Dezember 1980 als eine der „21 Forderungen“. Das 126 Tonnen schwere Denkmal besteht aus drei miteinander verbundenen Kreuzen mit je einem Anker, als Symbol für Glaube und Hoffnung.

Wir besuchen die Ausstellung „Wege zur Freiheit“ anlässlich des 30. Jubiläums der Gründung der Gewerkschaft und Bewegung „Solidarnosc“. Im Raum 1 wird das Alltagsleben in der Volksrepublik Polen thematisiert.

Es wurde ein Lebensmittelgeschäft der 70er Jahre, schlecht ausgestattet, mit geringem Warenangebot und leeren Regalen aufgebaut. Der Raum 2 widmet sich den staatlichen Repressionen und zeigt eine Gefängniszelle für politische Gefangene.

Der Raum 3 bildet den Saal der Verhandlungen nach mit dem Original Verhandlungstisch, die lange Holztafel mit den handschriftlich festgehaltenen „21 Forderungen“ der „Solidarnosc“ an die Regierung und eine Untergrunddruckerei. 

Raum 4 zeigt den „Tisch der Unterschriften“ und Exponate aus der nachfolgende „Zeit der Hoffnung und Anerkennung“ mit zehn Millionen Mitgliedern der „Solidarnosc“. Raum 5 schildert die Zeit der Einführung des Kriegsrechts am 13. 12. 1981, die Verleihung des Friedensnobelpreis an Lech Walesa 1983 und die Ermordung des Pastors Jerzy Popieluszko im Jahr 1984. 

Im Raum 6  befindet sich ein Filmsaal. Hier werden Dokumentarfilme ausgestrahlt. Der Raum 7 widmet sich Zeit des Wandels in Osteuropa ab Juni 1989, den ersten, teilweise freien polnischen Parlamentswahlen und dem polnischen Staatspräsidenten Lech Walesa (von 1990 bis 1995).

Dann besuchen wir in der Brigittenkirche die Gedenkausstellung „Die Zuflucht der Werftarbeiter“ und eine Fotostrecke zu Jerzy Popieluszko. Bemerkenswert ist auch der hohe, moderne Bernsteinaltar.

Die Rechtstadt und 750 Jahre Dominikanermarkt

Das mehr als 1.000 Jahre alte Danzig gelangte 1294 zum Deutschen Ritterorden und wurde 1361 Mitglied der Hanse. Die Stadt wurde 1454 politisch selbstständig unter der Schutzherrschaft Polens und mit einem Handelsmonopol der Danziger Kaufleute für den Handel mit Polen ausgestattet. 1793 kam die Stadt zu Preußen und wurde 1878 Hauptstadt von Westpreußen. Nach dem 1. Weltkrieg bekam die Stadt den Status einer freien Stadt unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes., das Umland war polnisch. Im 2. Weltkrieg wurde 90 % der Stadt zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte nach den Vorlagen von Bauplänen, Grundrissen, Zeichnungen und Fotos.

Wir folgen dem Königsweg, auf dem die polnische Könige samt Gefolge in die Stadt einzogen. Prunkzüge und Feierlichkeiten fanden auf diesem Weg statt. Der Königsweg beginnt am Hohen Tor von 1588 mit den Wappen Polens, Danzigs und Königspreußens versehen.

Es folgt das Goldene Tor aus der Renaissance, das von 1612-1614 an Stelle des Langgasser Tors gebaut wurde. Auf dem Dach stehen acht vergoldete Frauenfiguren, die Frieden, Freiheit, Reichtum, Weisheit, Frömmigkeit, Eintracht und Gerechtigkeit symbolisieren. Daneben steht die Georgshalle, in der die Schützengilde Feste und Theatervorstellungen im Mittelalter durchführte. 

Wir besuchen das Bernsteinmuseum im Stockturm. „Eine Perle golden wie die Sonne“ schrieb schon Homer über das Harz von urzeitlichen Bäumen. Die Bearbeitung findet an der Ostsee seit vielen tausend Jahren statt. Bernsteinstraßen verbanden Danzig mit Flandern, Köln, Nürnberg und Venedig. Danziger Künstler hatten großer Anteil am berühmten „Bernsteinzimmer“. Wir sehen einen aus Bernstein gefertigten Obstkorb und Modelle von Segelschiffen.

Wir folgen weiter der Langen Gasse mit den Bürgerhäusern der reichen Danziger. Verschiedenfarbene Fassaden und verschnörkelte Dachgiebel reihen sich aneinander. Das kleine Museum im „Uphagen Haus“ zeigt die Wohnungseinrichtung eines Patrizier-Haushalts Ende des 18. Jahrhunderts:

Ein Gedeck mit Silberschälchen für Kaviar und ein schwerer Sektkühler für den Champagner, Tafelsilber, kupferne Kochtöpfe und Tiegel in der Küche und ein Musikzimmer mit einem Klavier aus Ebenholz.

Das Ferberhaus von 1560 aus der Renaissance gehörte einer einflussreichen Familie, die sechs Bürgermeister und zwei Pröpste der Marienkirche stellte. Zur gleichen Zeit entstand das Schumannhaus einer Familie die fünf Bürgermeister, vier königliche Burggrafen und elf Ratsherren in ihren Reihen hatte.

Wir machen im Restaurant „Estragon“ Mittagspause.

Das „Rechtstädtische Rathaus“ am Langen Markt hat einen imposanten Turm von 82 Meter Höhe und einem Glockenspiel mit 37 Glocken, das stündlich ertönt.

Der Neptunbrunnen von 1633 gilt als Symbol für die Beziehung von Danzig zum nahen Meer. Die Königshäuser am Platz waren Wohnort einiger polnischer Könige während ihres Aufenthalts in der Stadt. Das Goldene Haus von 1617 hatte früher eine vergoldete Fassade.

Es gehörte dem reichen Kaufmann und Bürgermeister Speymann. An der Fassade gibt es figuralen Schmuck und auf den Dach steht die Figur der Glücksgöttin Fortuna. Nebenan steht der Artushof im gotischen Baustil, erbaut 1476-1481 mit erneuerter Fassade im Niederländischen Manierismus.

Der Artushof war Sitz der Handelsgilden und zeitweise Getreidebörse. Im Inneren befindet sich ein elf Meter hoher Kachelofen aus dem Jahr 1545 mit 520 reich verzierten Kacheln.

Der Lange Markt war Schauplatz von Turnieren und öffentlichen Hinrichtungen. Am 5. August 1260, dem Tag des heiligen Dominikus, gewährte Papst Alexander IV. dem Danziger Dominikanerorden ein Ablassprivileg, das den Grundstein für den seitdem alljährlich im August abgehaltenen Dominikanermarkt bildete. Der Dominikanermarkt wird heuer 750 Jahre alt.

Stelzenläufer in Tracht mit bunten Fahnen, Posaunisten in mittelalterlichem Gewändern, Trommler und Fahnenschwinger rahmen die Bühne ein. Der Bürgermeister hält eine Ansprache und wirft anschließend kleine Geschenke unters Volk. Meine Frau fängt ein hübsches, handgesticktes Kissen, das zukünftig unser Wohnzimmer ziert.

Hinter der Bühne steht das Grüne Tor, für den Aufenthalt der polnischen Könige in der Stadt gedacht, aber nur einmal bewohnt im Jahr 1646 von Luisa Ludowika Gonzaga, zukünftige polnische Königin und zunächst verheiratet „per procurationem“. Sie übernachtete in Danzig auf dem Weg nach Warschau zu ihrem Gatten König Wladyslaw IV. Wasa.

Heute befindet sich das Büro von Lech Walesa in diesem Haus. Das Werdertor daneben bildet das Ende des Königswegs und den Ausgang der Rechtstadt zum Fluss Mottlau. Parallel zum Langen Markt läuft die Ogana. Die hübsche Straßenzeile besteht aus mit dunkelroten Ziegeln gebauten Bürgerhäuser mit weißen Fensterrahmen.

Berühmte Danziger waren der Philosoph Arthur Schopenhauer, der Schriftsteller Günter Grass, der Schauspieler Klaus Kinski und der Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit.

Mit dem Boot zur Weichselmündung, wo der 2. Weltkrieg begann

3. Tag: Wir laufen nach dem Frühstück durch das Werdertor zur Mottlau, wo um 10 Uhr das Boot zu Weichselmündung ablegt. Wir fahren am Archäologischen Museum und dem mittelalterlichen Krantor von 1363 vorbei. Es ist das Wahrzeichen Danzigs. Im Jahr 1444 wurde der größte Hafenkran des Mittelalters eingebaut. Er diente nicht nur dem Be- und Entladen der Schiffe, sondern auch zum Mastsetzen. Das riesige hölzerne Laufrad im Inneren wurde mit Menschenkraft angetrieben.

Das neue Backsteingebäude der Philharmonie lassen wir rechts liegen und durchqueren den Hafen mit seinen Containerterminals und Werften. Wir erreichen die Weichsel und halten kurz an der Festung Weichselmünde, einer Befestigungsanlage aus dem 15. Jahrhundert.

Hinter der Burg liegt die Westerplatte. Angeschwemmter Sand bildete diese Halbinsel, am Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Badeort der Danziger. Das Gebiet wurde 1925 Polen zugesprochen, das ein Munitionslager dort anlegte. Am 1. September 1939 feuerte der Panzerkreuzer „Schleswig-Holstein“ vom Hafen aus auf die Stellung der Polen.

Heute steht dort das Denkmal der Westerplatte-Verteidiger. Auf der anderen Flussseite blicken wir auf einen der schönsten Leuchttürme der Ostsee, der Leuchtturm im Neufahrwasser.

Unfreiwillige Verlängerung des Aufenthalts

Wir kehren zurück ins Hotel, holen unser Gepäck und fahren zum Flughafen. Dort checken wir ein, geben das Gepäck ab und gehen zum Gate. Unser Flug soll um 16:50 Uhr starten. Dann kommt die Durchsage, dass die Maschine nicht kommen kann wegen einiger Gewitterzellen zwischen der Ostsee und unserem Bayerischen Voralpenland. Ich bitte meine Frau das Gepäck zu holen, während ich mich schnurstracks zum Ticketschalter der LOT, der polnischen Partner-Fluggesellschaft der Lufthansa begebe. Es stehen schon etliche Leute an, aber hinter mir kommt das Gros der Leute. Die drei Damen tun ihr bestes, aber die Passagiere vor mir benötigen komplizierte Umbuchunen nach Brasilien, Südafrika und in die Vereinigten Staaten. Schließlich bin ich an der Reihe und bekomme mitgeteilt, dass der Abendflug nach Frankfurt schon voll ist, da unter anderem eine Basketballmannschaft auf der Reise zur Europameisterschaft in die Türkei gebucht ist. Den LOT-Flug am nächsten Morgen darf ich nicht nutzen, bleibt die Auswahl zwischen einem Abflug am Mittag und dem Flug um 16:50 Uhr. Auch schon egal, wenn ich mittags fliege, könnten wir trotzdem nicht mehr in die Arbeit gehen. So verständigen wir unsere Arbeitgeber und entscheiden uns für den Flug am späten Nachmittag. Wir bekommen Taxigutscheine, einen Hotelgutschein und Gutscheine für Abendessen und Frühstück.

Wir haben ein Zimmer im Mercure Stare Miasto zugewiesen bekommen, einem ehemaliges Orbis-Hotel im Plattenbaustil. Es ist nicht die Kategorie des Radisson Blu, hat auch nicht den gleichen Charme, liegt aber auch zentral und ist durchaus akzeptabel. Das Essen im Hotel-Restaurant ist sehr gut, der Gutschein reicht sogar noch für einen Nachtisch für meine Frau und ein Glas Rotwein für mich.

Die Altstadt mit der Großen Mühle

4. Tag: Was machen wir mit den Zuatztag in Danzig? Ein guter Tipp ist immer ein Besuch der lokalen Markthalle. In Danzig ist sie ein Backsteinbau. Offeriert werden allerlei Sommerfrüchte wie Beeren und Pflaumen, schöne Gärtnergurken, Salate, Rote Beete und frischer Weißkohl.

Am „Radaunekanal“ steht die Große Mühle mit ihrem hohen Dach mit dreistöckigen Dachgauben. Dies war das größte technische Bauwerk Europas im Mittelalter mit Getreidemühle, 18 Mühlrädern, Bäckerei und Speichern. In der Nähe befindet sich das „Johannes-Hevelius-Denkmal“. Hevelius war Astronom, Bierbrauer, Schöffe und Ratsherr im Gebäude hinter seinem Rücken, dem Altstädtischen Rathaus. Das Bauwerk mit seinem filigranen, spitzen Turm wurde von 1587 bis 1589 erbaut. Besonders schön ist die Vorhalle mit der barocken Treppe.

Wir wechseln in die Rechtstadt und besichtigen die gotische Marienkirche. Sie war im 14. Jahrhundert die größte Backsteinkirche Europas mit 13 Altären, darunter dem goldenen Flügelaltar von Michael Schwarz aus Augsburg. Bedeutend sind die schönen Buntglasfenster und eine Barockorgel, die durch die gute Akustik der Kirche voll zur Geltung kommt.

In der nahen Frauengasse wurden Sequenzen des Fernsehfilms „Die Buddenbrocks“ nach dem Roman von Thomas Mann gedreht. Typisch sind die Treppenaufgänge an den Häusern.

Wir starten einen neuen Versuch nach Hause zu kommen. Zwar muss die Machine auch heute einer Gewitterzelle ausweichen und landet verspätet, aber mit einer halben Stunde Verzögerung können wir glücklicherweise starten.

Service Danzig:
Linienflug mit Lufthansa ab/bis München ab 174 € inkl. Gepäck
Hotel Radisson Blu DZ ab 146 € inkl. Frühstück
Hotel Mercure Stare Miasto ab 120 € inkl. Frühstück
Karta Turysty für 72 Stunden 29 €
Bootsfahrt zur Westerplatte Hin-und Rückfahrt 9,50 €
Ausstellung „Wege zur Freiheit“ Eintritt 3,70 €

Diese Reise fand im August 2010 statt. Ich reiste mit meiner Frau. Tarifstand August 2018.

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