Mit dem E–Roller ins Allgäu

Abgasfrei und nahezu geräuschlos auf Nebenstraßen von München in den Pfaffenwinkel und weiter ins Oberallgäu.

1. Tag: 81 km. Ich starte mit meinem Elektro-Roller in München bei schönem Wetter, durchquere den Forst Kasten, fahre an der Keltenschanze von Buchendorf vorbei, kreuze die Römerstraße und die Würm bei Gauting. Nach einer Stunde Fahrt taucht der Heilige Berg Bayerns auf, Kloster Andechs. Es ist der zweitgrößte Wallfahrtsort im Freistaat. Die Klosterkirche wurde von Johann Baptist Zimmermann 1751 im Rokokostil umgestaltet. Die hier von der Ordensgemeinschaft der Benediktiner geführte Braustätte ist die größte Klosterbrauerei Deutschlands. Anziehungspunkt ist das Bäustüberl, bekannt für seine Schweinshaxn, Brotzeiten und den Doppelbock Dunkel mit einem Alkoholgehalt von 7,1 %.  

Den ersten Stopp mache ich in Erling an der Pfarrkirche St. Vitus. Der Ort wurde 776 erstmals urkundlich erwähnt. Heute ist er Sitz der Andechser Molkerei. Durch einen dichten Laubwald führt Landstraße hinunter nach Fischen am Ammersee. Der See wird als Bauernsee bezeichnet im Gegensatz zum mondänen Starnberger See. Heute verwischen sich die Grenzen.

Im Pfaffenwinkel (1)

Ich erreiche den Pfaffenwinkel und fahre durch Pähl, dem Heimatort von Thomas Müller. Weilheim ist seit jeher das Zentrum der Region. Älterste Spuren stammen aus der Bronzezeit, die Via Raetia führte hier durch und während eine Pestepedemie 1521 in München wütete, war Weilheim die Residenz der Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. Rund um den Marienplatz gibt es eine schöne Fußgängerzone.

In Peißenberg gab es bis 1971 ein Kohlebergwerk. Von dort nehme ich die Serpentinenstraße hinauf nach Böbing. Im Norden ragt der Bayerische Rigi, der Hohenpeißenberg mit fast 1000 m Höhe empor. Bei guter Sicht sieht man von dort die Alpenkette auf 200 Kilometer Breite. An der Wallfahrtskirche führt der Münchner Jakobsweg und der König-Ludwig-Wanderweg vorbei.

Service Weitwanderwege:
König-Ludwig-Weg  Starnberg-Herrsching-Dießen-Wessobrunn-Peiting-Rottenbuch-Wieskirche-Trauchgau-Neuschwanstein-Hohenschwangau-Füssen
Münchner Jakobsweg München-Schäftlarn-Starnberg-Andechs-Pähl-Wessobrunn-Rottenbuch-Wieskirche-Steingarden-Lechbruck-Marktoberdorf-Lindau (-Santiago) 

Jetzt durchquere ich die Ammerschlucht. Der steile Anstieg nach Rottenbuch ist eine Herausforderung für den kleinen Roller. Das Augustiner Chorherrenstift wurde 1073 gegründet. Die Straße macht einen Knick und führt durch einen Torbogen des Klosters.

Im Ort erreiche ich mein erstes Quartier, die Pension Gänse-Blümchen. Mein einfach ausgestattetes Zimmer liegt im 1. Stock. Ich werde herzlich von meiner Gastgeberin Frau Martha Keller empfangen, darf den Liegestuhl im wunderschönen Garten benutzen, bekomme eine kalte Holunderschorle und später Kaffee und frisch gebackene Waffeln angeboten. Meinen Roller kann ich in der Garage unterstellen und dort auch die Akkus laden. Am nahen Campingplatz steigt heute das Sommerfest des Sportvereins. Die Hausfrauen haben Salate zubereitet, es wird gegrillt, es gibt ein Wettsägen der starken Männer des Dorfes und für Bier und zünftige Musik ist auch gesorgt. Hier treffe ich die anderen Gäste im Haus, ein Ehepaar aus Köln und meinen Gastgeber Andreas Keller wieder.

2. Tag: 90 km. Nach einem reichhaltigen Frühstück, das jedem Wunsch gerecht wird, fahre ich weiter nach Steingaden. Das Welfenmünster wurde durch Markgraf Welf VI. 1147 vor seinem Aufbruch zum 2. Kreuzzug als Hauskloster und Grablege der Welfen gegründet.

Service Pfaffenwinkel:
Pension Gänse-Blümchen EZ mit reichhaltigem Frühstück 40 €
Wieskirche Besichtigungszeiten unter www.wieskirche.de
Das Ostallgäu

Im ehemaligen Flößerdorf Lechbruck erreiche ich das Allgäu. Etwas südlich passiere ich dann Roßhaupten, erstmals 895 in der Magnuslegende erwähnt. Der Ort liegt am Forggensee. Er ist mit mehr als 15 km² der größte Stausee Deutschlands. Im Sommer verkehren Passagierschiffe auf dem vom Lech gespeisten See. Durch das hügelige Alpenvorland fahre ich über Seeg nach Nesselwang.

Im Oberallgäu

Bald nach diesen Urlaubsorten folgt der Grüntensee, ein Stausee der Wertach am Fuß des 1737 m hohen Grünten, dem Wächter des Allgäus. Das Brauereidorf Rettenberg mit drei Brauereien und den dazugehörigen Wirtschaften ist malerisch am Hang des Illertals gelegen. Vor Sonthofen wird der Blick frei auf die Allgäuer Alpen im Süden und die Hörnergruppe im Westen. Diese Berge gehören zum Naturpark Nagelfluhkette. Die hübschen Hörnerdörfer an seiner Flanke sind Ofterschwang, Bolsterlang, Obermaiselstein und Fischen. Südlich von Fischen liegt mein Hotel Sonnenbichl am Rotfischbach, direkt am Illertal Wander- und Radweg abseits der Hauptstraße und ruhig gelegen.

Das Hotel verfügt über einen Wellnessbereich mit Hallenbad. die Küche ist hervorragend. Am ersten Abend gibt es ein Galadinner mit Sektempfang.

Mein Zimmer hat einen Balkon mit Blick auf das Nebelhorn.

3. Tag: 71 km. Nach dem Frühstück fahre ich zur Breitachklamm, die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas. Der Weg ist gut zwei Kilometer lang. Es ist sehr beeindruckend mit welcher Kraft sich das Wasser seinen Weg gebahnt hat und welche Steinformationen durch die Auswaschungen entstanden sind.

Um Oberstdorf herum gibt es drei Skigebiete am Nebelhorn, am Fellhorn und am Söllereck und verschiedene Skisprungschanzen. Der Ort ist regelmäßig Austragungsort wichtiger Sportereignisse. Das Trettachtal darf man leider selbst mit dem E-Roller nicht befahren, das Stillachtal nur bis zur Talstation der Fellhornbahn. Vorher zweigt der Fußweg hinauf zum Freibergsee mit seinem Schwimmbad ab. 

Service Oberallgäu:
Hotel Sonnenbichl am Rotfischbach EZ  mit Halbpension 80 € (bei DERTOUR)
Breitachklamm Eintritt 4 €

Ich fahre weiter ins Kleinwalsertal mit den Orten Riezlern, Mittelberg und Baad am Talschluss. Das Tal gehört zum österreichischen Bundesland Vorarlberg, die Zufahrt ist nur über Bayern möglich. Der Name kommt von den Walsern, die im 13. Jahrhundert aus dem Wallis hierher zogen.

4. Tag: Ursprünglich war eine Weiterfahrt in den Bregenzer Wald und zum Arlberg geplant. Schlechte Wetterprognosen für St. Anton veranlassen mich zu einem Fahrzeugtausch. Ich fahre den Roller zum Haltepunkt Peiting Nord, parke ihn und fahre mit der Pfaffenwinkelbahn nach München um mein betagtes Auto zur Weiterfahrt ins Hochgebirge abzuholen. Die Fortsetzung ist im Beitrag „Über den Arlberg nach St. Anton“ zu finden.

5. Rollertag: Als ich den Flexenpass 5 Tage nach meinem Fahrzeugtausch mit dem Auto bei 7°, Nebelschwaden und Regen passiere, wird im Radio für die folgenden Tage wieder besseres Wetter angekündigt. Ich lasse mein Gepäck im Quartier für diese Nacht, dem Gästehaus Waldhof in Stanzach im Tiroler Lechtal und fahre weiter nach Peiting Nord um erneut das Fahrzeug zu tauschen. Diesmal wird das Auto dort geparkt.

Im Pfaffenwinkel (2)

Mit dem E-Roller geht es dann weiter von Peiting zur Wieskirche, 1745 – 1754 von den Brüdern Baptist und Dominikus Zimmermann im Rokokostil ausgestaltet. Die Wallfahrtskirche gehört zum UNESCO – Weltkulturerbe und sollte auf jeder Fahrt in den Pfaffenwinkel besucht werden.

Im Königswinkel

Es folgen die Königsschlösser mit den malerischen Bergseen Alpsee und Schwansee. Hohenschwangau ist 1090 als erste Burg errichtet worden und hieß ursprünglich Castrum Swangowe. König Max II. kaufte die Burg 1832 und ließ sie 1837 von Domenico Quaglio zur Sommerresidenz umbauen, in der auch Ludwig II. und sein Bruder Otto I. Teile ihrer Jugend verbrachten. Ludwig II. begann am Hang gegenüber 1869 mit dem Bau von Neuschwanstein als idealisierte Vorstellung einer Ritterburg aus der Zeit des Mittelalters. Der Märchenkönig wohnte nur wenige Wochen im Schloss und starb vor der Fertigstellung. Heute kommen jährlich 1,5 Millionen Besucher aus aller Welt.



Bald taucht rechts über dem Lech das Hohe Schloß und das Kloster St. Mang von Füssen auf. In der Römerzeit führte hier die Via Claudia Augusta vorbei, die Verbindung von Venetien an die Donau. Im 8. Jahrhundert ließ sich hier der Wandermönch Magnus nieder. Ab 1286 war Füssen freie Reichsstadt.

Nach dem Lechfall passiere ich die österreischiche Grenze.

Im Tiroler Lechtal

Hier führte einst die Tiroler Salzstraße entlang von Hall nach Lindau. Reutte ist das Zentrum dieser Gegend. Hier zweigt die Fernpassstraße ins Inntal ab. Ich folge dem Flusslauf aufwärts und erreiche mein Quartier in Stanzach. Die heutige Distanz mit dem Roller beträgt 77 km. Am Abend laufe ich zu Fuss in die Ortsmitte zum Gasthof zur Post, einem gemütlichen Tiroler Wirtshaus.

6. Tag: 82 km. Das Tiroler Lechtal ist einer der letzten naturbelassenen Alpenflusstäler und als Naturpark ausgewiesen. Ich fahre zurück nach Reutte.

Service Stanzach:
Gästehaus Waldhof EZ mit Frühstück 61 €
Plansee, Graswangtal und Ammertal

Im Zentrum zweigt die Straße nach Breitenwang und hinauf zum Plansee ab.

Bei diesem Wetter macht es Spass durch die schöne Landschaft am See entlang und durch zahlreichen Kurven hinauf zur kleinen Passhöhe zu gleiten. Nach der bayrischen Grenze liegt ein weiteres Schloss von König Ludwig II.: Linderhof. Der „Kini“ ließ sich im Winter gerne nachts mit dem Pferdeschlitten durch das einsame Graswangtal kutschieren. Am Talausgang taucht Kloster Ettal auf.

Ich komme gerade recht zum Klosterfest im Brauereihof. Es spielt die Musikkapelle Ettal, Abt Barnabas begrüßt die Gäste und Radio Oberland überträgt live.

Das Benediktinerkloster wurde 1330 gegründet. Nach einem Brand im Jahr 1744 wurden Kirche und Kloster im Hochbarock nach Plänen von Enrico Zuccalli durch Joseph Schmuzer aus der Wessobrunner Schule wieder aufgebaut. 

Das Kloster betreibt eine Brauerei, eine Destillerie zur Herstellung des beliebten Klosterlikörs, eine Buchhandlung, einen Kunstverlag, ein Hotel, mehrere Gasthöfe und einige kleinere Betriebe. Seit 1905 besteht im Kloster das Benediktinergymnasium Ettal, ein humanistisches Gymnasium mit neusprachlichem Zweig. Das angeschlossene Internat kam 2010 in die Schlagzeilen nach den öffentlich gemachten Fällen sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche.

Das Ortsbild von Oberammergau ist besonders geprägt durch die Lüftlmalerei. Damit bezeichnet man die Kunst, Fassaden der Häuser farbig zu bemalen. Seit 1634 gibt es die weltbekannten Passionsspiele im Ort, normalweise im 10-jährigen Rhythmus. Jetzt ist es nicht mehr weit zu meinem Tagesziel, dem Bayersoier Hof. Am Nachmittag fahre ich ins Freibad am Soier See, einem der schönsten Moorseen im Voralpenland.

Während eine Gruppe im Nebenraum schnell abgespeist wird, genieße ich mein Abendessen in meinem traditionellen bayrischen Gasthof. Danach schlendere durch das hübsche Dorf. Am Dorfplatz sorgt das Orchester Kurzweil in einem zur Bühne umgebauten Campinganhänger für die Unterhaltung von gut hundert Kurgästen. Sie spielen gekonnt Irish, Jiddisch und Bayrisch.

Service Bad Bayersoien:
Gasthaus Bayersoier Hof EZ mit Frühstück 39 €
Soier See Strandbad kein Eintritt und keine Parkgebühr – Kiosk mit Terrasse, Umkleideräumen und WC
7. Tag: 86 km. Es geht nach Hause. An der Echelsbacher Brücke hoch über der Ammerschlucht zweigt die Nebenstraße nach Schönberg ab. Der Blick auf die Ammergauer Berge von der kleinen Kapelle des Ortes ist eine Rast wert.
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Am Starnberger See

Über Böbing, Peißenberg und Weilheim erreiche ich bei Tutzing das Westufer des Starnberger Sees. Im Schloss Possenhofen, das 1834 in den Besitz von Herzog Max von Bayern kam, verbrachte die spätere Kaiserin Sissy und ihre Geschwister eine glückliche Kindheit. Gegenüber am Ostufer sieht man Schloss Berg, die Sommerresidenz von Ludwig II. In der Nähe starb er im Starnberger See am 13. Juni 1886. Ein Holzkreuz und die am Hang gelegene Votivkapelle markieren die Stelle.  

Die Stadt München hat in Possenhofen ein großes Grundstück erworben und ein Badeparadies für die Bürger daraus gemacht. An einem so schönen Sommertag wie heute reicht der Ausblick vom Badesteg bis zu Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Auf der Olympiastraße, rolle ich danach in München ein.

Diese Reise fand im Juli 2017 statt. Ich reiste alleine.

Mein E-Roller:
unu 2 kw mit 45 km/h (Versicherungskennzeichen)
Reichweite mit 2 Akkus knapp 100 km – die Akkus finden unter der Sitzbank platz – Ladezeit pro Akku knapp 4 Stunden – Energiekosten für die Tour insgesamt: 4,20 € (wurde von Hotels, Gasthöfen und Pensionsbesitzern übernommen)

 Meine Bewertungen auf Tripadvisor:

Oberallgäu:

Stanzach:

Pfaffenwinkel:

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Ein Gedanke zu „Mit dem E–Roller ins Allgäu

  • August 12, 2017 um 5:13 pm
    Permalink

    Gut geschriebener Bericht mit schönen Fotos! Die Unterkünfte waren offenbar bestens ausgewählt. Eine originelle Idee, mit dem E-Roller auf so eine Reise zu gehn — um zwischendurch wetterbedingt auf andere Verkehrsmittel umzusteigen.

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